nix zu tun?  
 

Zur Interpretation des Schulleistungsvergleichs

In Pressemeldungen wie etwa der LVZ zum Schulleistungsvergleich gibt es doch noch einiges zu sagen.
Das Ergebnis wird insbesondere in den ostdeutschen Ländern herumgetragen. Dabei sind imho folgende Randbedingungen zu beachten.

  • Seit über 20 Jahren stellen die ostdeutschen Länder kaum noch junge Lehrer ein. In Sachsen wurde Mitte der 90er ein Kompromiss zwischen Land und Gewerkschaft geschlossen, der einen Einstellungskanal von 80-100 jungen Lehrern pro Jahr für das ganze Land Sachsen vorsah. Das bedeutet im Gegenzug, das derzeit im Wesentlichen Lehrer mit DDR-Ausbildung und den damaligen Schwerpunkten unterrichten. Demzufolge braucht sich das Land darauf gar nichts einbilden, zumal sächsische Lehrer trotz PISA-Platz 1 die niedrigsten Gehälter aller Lehrer in D bekommen. Und auch nicht verbeamtet werden (vielleicht ist das ja auch eine Erklärung!)
  • Natürlich haben auch noch die Eltern diese Schwerpunkte im Kopf. In der DDR waren die Naturwissenschaften, allerdings auch Deutsch, sogenannte Hauptfächer. Anderseits ist es auch klar, jemand, der in NRW früher zum Abitur Mathe abwählen konnte, wird heute als Elternteil nicht Mathe als ganz doll wichtig ansehen.Mit Eltern-Jahrgängen, die nach der Wende sozialisiert wurden, wird die bisherige Einstellung zu den Naturwissenschaften natürlich nachlassen, und mit Lehrern in diesen Altersgruppen sicherlich auch.
  • Die bisherigen Eltern-Jahrgänge waren durch den polytechnischen Ansatz der DDR-Schule geprägt, also die enge Verbindung zur Wirtschaft, zu Technik und zu den Naturwissenschaften. Dieser Ansatz der Schule existiert nicht mehr und hat dadurch bei der Sozialisation künftiger Elterngenerationen höchstens mittelbar Wirkung.
  • Um Gerechtigkeit walten zu lassen, muss man natürlich erwähnen, dass die Landesregierung tatsächlich einen Einfluss auf die Ergebnisse hat. In Sachsen regiert seit der Wende die CDU, nur sporadisch durch Koalitionspartner beeinflusst. Das hat zur Folge, dass hier eine im wesentlichen kontinuierliche Bildungspolitik betrieben wird. Die kann man schlecht finden, sie hat aber für die Lehrer den Effekt, dass nicht ununterbrochen herumexperimentiert und gewendet wird. Andere Bundesländer wie Brandenburg oder Meckpomm führten derweil das 13jährige Abitur ein, um es danach wieder abzuschaffen.
  • Sachsen hat eine ausgesprochen niedrigen Migrantenanteil (Studie zu Sachsen), zudem ist die Zusammensetzung sehr verschieden zu den westlichen Bundesländern (siehe Studie). In der Schule äußert sich das dahingehend, dass im wesentlichen Kinder mit vietnamesicher und jüdisch-russischer bzw. deutsch-russischer Abstammung den Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund stellen. Diese haben Deutsch entweder schon bei ihren Eltern, auf jeden Fall aber im Kindergarten (im Osten bisher ausreichend vorhanden) gelernt. Dazu kommt, dass die Eltern dieser Herkunft sehr viel wert auf Bildung legen, explizit auch noch auf die naturwissenschaftlichen Fächer. Damit ist klar, dass Vermittlungsprobleme in den Schulen, wie sie Bundesländer mit einer anderen Zusammensetzung der Schülerschaft mit Migrationshintergrund haben, gibt es so in den ostdeutschen Ländern mit Ausnahme von Berlin nicht. SpOn über Bildungserfolge von Migrantenkindern in Ostdeutschland
  • Die postulierte Abhängigkeit zwischen Armut und Bildungsversagen ist Unfug. Es geht um Hilfe durch Lehrer, vor allem aber um die Einstellung der Eltern. Nicht nur die Erfolge der vietnamesichen Schüler zeigen das, auch die Erfolge von vielen Kindern mit HarztIV in Ostdeutschland, Stichwort z.B. strukturelle Arbeitslosigkeit von ostdeutschen Akademikern.
Wenn Sie also Meldungen über tolle Bildungserfolge in Ostdeutschland und insbesondere Sachsen lesen, sollte man nicht unbedingt den ostdeutschen Landesregierungen "die Schuld" an solchen Erfolgen geben. So haben mittlerweile ostdeutsche Kommunen wie Leipzig Schwierigkeiten, den Betreuungsanspruch mit Kindergartenplätzen zu erfüllen. Man hat sich inzwischen aufs Westniveau vorgearbeitet. Und das wird man bei den Bildungsstandards sicherlich auch noch schaffen. In Sachsen gehen in den nächsten 10 Jahren jedes Jahr 1000 Lehrer in Rente. Eingestellt werden zur Zeit 280 Lehrer (in zwei Jahren).

  
am  11.10.2013, 11:02,  sagte flohbude 

Mir ist trotz mehrmaligen Lesens die Verknüpfung der Post-DDR-Elternschaft mit der aktuellen Studie nicht klar.

Darüber würde ich den Armutsfaktor nicht allzu gering ansiedeln wollen, wie Sie das hier tun. Jedoch muss man zwischen temporärer und andauernder Armut unterscheiden, die beide nämlich durchaus verschiedene Auswirkungen haben.


 
am  11.10.2013, 12:30,  entgegnete seewolf 

Vielleicht war ich zu knapp

Eltern erziehen überall zu 90% unbewußt. Wenn sie selbst auf Polytechnik, Naturwissenschaften und so getrimmt wurden, wird den Kindern schon allerhand klargemacht, wenn es ein Donnerwetter gibt, weil die Mathearbeit verhauen wurde. Dieses Augenmerk, so meine These, schwächt sich ab, weil die ganze Umwelt und die eigenen Eltern das nicht mehr ganz so eng sehen. Ich könnte mich natürlich irren, wenn die DDR viel längere Nachlaufeffekte hat. Vorstellbar, weil auch die kleinen Russlanddeutschen und jüdischen Russen, die hier geboren wurden, noch straff auf Mathe stehen und witzigerweise in Kunst die Kings im naturalistischen Malen sind (lt. meiner Liebsten Dame).
Zur Armut: ich denke, dass heutige Wissenschaftler und vor allem Wissenschaft-Journalisten Korrelationen nicht verstehen. Armut ist per se nicht Grund für Bildungsversagen (Gegenbeispiel Vietnamesen oder überhaupt ganz Asien). Worüber zu wenig nachgedacht wird ist die Einstellung zu Bildung. Wenn türkische Kinder nur zu 17% aufs Gymnasium gehen, vietnamesische aber zu 52% (Sachsen), dann legt man zu Hause anders wert darauf. Und da spielt die Armut eher weniger die Rolle. Wenn aber in Sachsen dann die vietnamesischen Kinder Abitur machen und nicht wegen Armut aussortiert werden, dann liegt es sehr wohl an der Schule und konkret an den Lehrern.


 
am  16.11.2013, 22:15,  entgegnete phaeake 

Vererbung

Dass die Kinder vietnamesischer Vertragsarbeiter und russischer Juden in der Schule erfolgreicher sind als die Kinder türkischer Gastarbeiter, wird wohl AUCH damit zusammenhängen, dass die Eltern intelligenter sind und Intelligenz eben AUCH vererbt wird.


 
am  18.11.2013, 10:55,  entgegnete seewolf 

hm

diese Erklärung erscheint mir zu platt und vor allem nicht zielführend, spannend dazu der Satz im guten Wikipedia-Artikel zu Intelligenz Abgesehen vom Energieaufwand zu immigrieren und einen Neuanfang zu wagen (immigrant drive) ist den drei Gruppen gemein, dass sie großen Wert auf Fleiß, Erziehung und Ermutigung von Kindern legen und dass Individuen, die auf diese Weise erfolgreich sind, eher respektiert als beneidet werden.
Intelligenz ist multigenetisch determiniert und extrem von Umwelteinflüssen und Erziehung abhängig. Ich behaupte mal aufgrund meiner Erfahrungen, dass jede Schicht, jede Bevölkerungsgruppe eine Gaussche Normalverteilungskurve bei der Intelligenz-Anlage hat. Daher ist der Einfluss von Spracherwerb vor Schulbeginn wahrscheinlich unendlich bedeutender als die soziale Herkunft, etwa so wichtig wie die Haltung der Bevölkerungsgruppe zu Bildung und intellektuellen Leistungen.


 
am  21.11.2013, 04:57,  entgegnete phaeake 

Ich verstehe nicht,

ob das Wikipedia-Zitat meiner These widersprechen soll, dass Intelligenz AUCH vererbt wird.

Ich zitiere mal aus der Brockhaus Enzyklopädie. Auf kulturelle und soziale Faktoren wurde auch zurückgeführt, dass in Intelligenztests Asiaten besser als Europäer und diese besser als Afrikaner abschneiden. W.A. Jensen und H.J. Eysenek fanden, dass in den USA diese Unterschiede empirisch nur teilweise durch Umwelteinflüsse (z.B. soziale Schicht der Eltern und Großeltern, Beschulung) erklärbar sind und vermuten genetisch bedingte Unterschiede in den Intelligenz-Strukturen, die von Intelligenz-Tests nicht erfasst werden.

Das mit der Gausschen Normalverteilung sehe ich auch so. Darauf sind ja Intelligenztests "geeicht". Das heißt natürlich nicht, dass der Durchschnittswert in allen Populationen derselbe sein muss. Und selbst wenn die Bevölkerungen in Vietnam und in der Türkei denselben Intelligenzdurchschnittswert haben: Die Gastarbeiter, die in den 1960ern nach Westdeutschland kamen, wurden für Tätigkeiten geholt, die so schmutzig und schlecht bezahlt waren, dass kein Deutscher sie mehr verrichten wollte. Ich kenne mich mit der Geschichte der in die DDR migrierten vietnamesischen Vertragsarbeiter nicht so richtig aus, vermute aber einmal ganz stark, dass formale Qualifikation und Bildung dort eine sehr viel größere Rolle für die Auswahl spielten. Diese unterschiedlichen Auswahlen würden auch eine identische Intelligenzverteilung in den Ausgangspopulationen "verzerren".

Ich halte es ehrlich gesagt für nicht ganz ungefährlich für eine unideologisch geführte Diskussion, Erklärungsversuche für empirische Befunde als "zu platt" und "nicht zielführend" auszusortieren. Die Realität kann durchaus platt sein. Und als Erklärung zielführend ist alles, was begründet, wie ein bestimmter empirischer Befund zustande gekommen sein kann.

Dass die Einstellung des Elternhauses zur Bildung AUCH eine wichtige Rolle spielt, wollte ich nie bestreiten.


 
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Heute am wannsee, gegenüber der pfaueninsel gelegen, tochter aus dem augenwinkel im blick gehabt, die sich einfach mit berliner mädels angefreundet hatte und um die wette schwamm. Gleichzeitig die Szene bei der Musterung gelesen, laut gelacht, paar nackt badende guckten irritiert. Ganz wunderbare Geschichte. Ich muss jerzt langsamer lesen, damit...
by mariong (22.08.2015, 00:27)
Obacht
da kann es ja passieren, dass Sie dem Autor über den Weg laufen!
by seewolf (15.08.2015, 20:04)
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Seit heute liegt das buch bei mir auf dem tisch, und ich bin schon ganz verliebt in die aufmachung, das papier, und manchmal streiche ich über den umschlag und schlage wahllos eine seite auf und spicke. Ansonsten ist das wie warten auf das christkind: Das wird meine Urlaubslektüre schon bald...
by mariong (11.08.2015, 23:05)
Ich verstehe nicht,
ob das Wikipedia-Zitat meiner These widersprechen soll, dass Intelligenz AUCH vererbt wird. Ich zitiere mal aus der Brockhaus Enzyklopädie. Auf kulturelle und soziale Faktoren wurde auch zurückgeführt, dass in Intelligenztests Asiaten besser als Europäer und diese besser als Afrikaner abschneiden. W.A. Jensen und H.J. Eysenek fanden, dass in den USA...
by phaeake (21.11.2013, 04:57)
hm
diese Erklärung erscheint mir zu platt und vor allem nicht zielführend, spannend dazu der Satz im guten Wikipedia-Artikel zu Intelligenz Abgesehen vom Energieaufwand zu immigrieren und einen Neuanfang zu wagen (immigrant drive) ist den drei Gruppen gemein, dass sie großen Wert auf Fleiß, Erziehung und Ermutigung von Kindern legen und...
by seewolf (18.11.2013, 10:55)
Vererbung
Dass die Kinder vietnamesischer Vertragsarbeiter und russischer Juden in der Schule erfolgreicher sind als die Kinder türkischer Gastarbeiter, wird wohl AUCH damit zusammenhängen, dass die Eltern intelligenter sind und Intelligenz eben AUCH vererbt wird.
by phaeake (16.11.2013, 22:15)
Diese Angsthasen!
Wenn das Minarett höher werden soll als der Kirchturm, artikuliert es einen "Machtanspruch" (Bischöfe). Wenn es genauso hoch werden soll, symbolisiert es "Rivalität" (Bischöfe). Ist es nur ein bisschen kleiner als der Kirchturm, dient es der "demonstrativen Selbstdarstellung" (CDU). Nicht auszudenken, was geschähe, würden eine muslimische den Moscheebau damit rechtfertigen,...
by phaeake (16.11.2013, 21:47)
Vielleicht war ich zu knapp
Eltern erziehen überall zu 90% unbewußt. Wenn sie selbst auf Polytechnik, Naturwissenschaften und so getrimmt wurden, wird den Kindern schon allerhand klargemacht, wenn es ein Donnerwetter gibt, weil die Mathearbeit verhauen wurde. Dieses Augenmerk, so meine These, schwächt sich ab, weil die ganze Umwelt und die eigenen Eltern das nicht...
by seewolf (11.10.2013, 12:30)
Mir ist trotz mehrmaligen Lesens die Verknüpfung der Post-DDR-Elternschaft mit der aktuellen Studie nicht klar. Darüber würde ich den Armutsfaktor...
Mir ist trotz mehrmaligen Lesens die Verknüpfung der Post-DDR-Elternschaft mit der aktuellen Studie nicht klar. Darüber würde ich den Armutsfaktor nicht allzu gering ansiedeln wollen, wie Sie das hier tun. Jedoch muss man zwischen temporärer und andauernder Armut unterscheiden, die beide nämlich durchaus verschiedene Auswirkungen haben.
by flohbude (11.10.2013, 11:02)
naja,
im Allg. gilt bei Geheimhaltung immer: "Mach es dem anderen nicht leicht!"Swift-Daten sind in gewisser Weise auch Meta-Daten, d.h., man kann in Kombination mit anderen sehr viel mehr als einen Preis herauslesen, z.B. zeitliche Verläufe.Im Kalten Krieg wurden aus solchen Indizien wie Beschaffung verschiedener Materialien zum gleichen Zeitpunkt z.B. Forschungsschwerpunkte...
by seewolf (04.09.2013, 13:06)

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