nix zu tun?  
 
Mittwoch, 9. September 2015

Wiegenlied

Kleines Kriegskind, wo gehst du hin?
Nach Osten oder Westen?
Wo in aller Welt glaubst du
findest Du einen Freund?

Kleines Kriegskind, was brauchst du am meisten?
Einen löchrigen Teppich?
Einen Sperrholzsarg?
Eine Rettungsweste?

Kleines Kriegskind, wo willst du sterben?
Wo Bomben fallen
oder auf offener See?

Kleines Kriegskind, wo willst du hin?
Wähle selbst. Nur dass wir dich
niemals wieder sehen müssen.

Interlinear-Übersetzung eines Gedichts von Henrik Nordbrandt, heute auf der Titelseite von politikken.dk

Perma-Link ( und wieder guckt kein...)  Sag was!   Topic: Danmark
 

Mittwoch, 29. Juli 2015

Bov Bjerg "Auerhaus" bei Blumenbar

Bov Bjerg "Auerhaus"
bov Bjerg, bekannt aus Twitter (@bov) und Antville, hat seinen Roman draußen, d.h., die Buchhandlungen könnten ihn bestellen, Amazon lässt wohl sogar eBook-Besteller warten, aber ich bekam das Buch am Erscheinungstag in der Bahnhofsbuchhandlung, was Bov Bjerg mit "Mein Leipzig!" kommentierte. Bjerg ist Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, seine Kommilitonen und er fielen mir nach seinem Erfolg beim MDR-Literaturpreis nicht durch viel geziehene Marktgängigkeit, sondern obsessive Ernsthaftigkeit im Ringen um die richtige Formulierung auf. Dieses Feilen am Werk aus einem Guß hat seinem Roman gut getan, alles ist an seinem Ort, wo es hingehört.
Eigentlich war ich gespannt, ob ich mit der westdeutschen Jugend Anfang der 80er etwas angangen kann, ob die Unterschiede so groß sind, dass ich es wie Nachrichten aus einem fremden, fernen Land lese.
Doch verhandelt wird etwas ganz anderes, existentielles, was wird aus mir, was aus meinem Freund, aus einer bleiern vorgezeichneten Perspektive. Da war ich doch ganz nah dabei, erst die scheinbar unvermeidbare Armeezeit, das Studium keine Herausforderung, und dann 40 Jahre scheinbar unentrinnbare Arbeit am Platz, den mir die Gesellschaft zuweisen würde, bis zur Rente und erst dann, wenn alles gut ginge, freie Entscheidungen.
Unerhört, diese WG im Dorf, mit diesen Gefährdeten und Gefährdern, so unerhört mein eigener Auszug am 18. Geburtstag noch vor dem Abitur ins Internat, Gerüchte erklären mehr als offizielle Verlautbarungen.
Freundschaft und Gemeinschaft sollen Frieder vor einem weiteren Suizidversuch bewahren, Abenteuer, wildes Treiben, seltsame Gestalten machen das aus, was wir als die beste Zeit im Leben beschreiben, einfach weil wir jung waren, weil etwas passierte, was man nicht vorhersehen konnte wie im Osten den Rentenbescheid beim ersten Arbeitsantritt. Die Wohngemeinschaft, jeder einzelne sicherlich nicht qualifiziert für diese Verantwortung, und doch sind sie das Beste, was Frieder passiert ist, weil sie jung sind, spontan, verrückt, verliebt, verkorkst.
Bjerg gelingt es, den inneren Film zu beschicken, die Abenteuer bis hin zum Lebensgefährlichen, die charakterlich Schwachen und die Starken, die gutmeinenden und die gut seienden Erwachsenen sieht jeder vor sich, wie man sie selbst kennenlernte.
Jeder hatte sein Auerhaus oder so einen Freund wie Ich-Erzähler Höppner "Hühnerknecht" oder hätte zumindest gerne einen gehabt, kennt oder ahnt das Gefühl von Party mit Lieblingsmusik, Alkoholrausch, Mädchen und Unkontrollierbarkeit. Bjerg nimmt uns mit knappen Worten sofort mit in dieses Jungsein, mit diesen elenden Problemen hinter den Fragen nach Geld, erstem Mal und Zukunft, der Realität, die hinter der Frage eines Bekannten der Eltern, was man nach dem Abi, mit der Volljährigkeit machen wolle, lauerte und heute bei den Kindern lauert.
Und er baut, soviel Spoiler muss sein dürfen, keine goldene Brücke. Denn die Frage ist falsch.

Dank an Bov Bjerg für diese Zeitreise. Und danke für die Chance der Wende, die mich davor bewahrte, die bleierne Zukunft zu erleben.

Perma-Link (3 Ja, gebts mir! )  Sag was!   Topic: Ihr Geld wurde gut angelegt
 

Dienstag, 13. Januar 2015

Leipzig brauchte sich nicht zu schämen

Nachdem ich etwas Sorge hatte, dass die Größenverhältnisse von #nolegida und #legida nicht eindeutig genug sein würden (dass die weltoffenen Bürger in L die Überzahl haben würden, davon war ich überzeugt), wurde mir schon gegen 16.30 klar, dass allein die Studenten mit 4000 Teilnehmern Legida in die Schranken gewiesen hatten.

Dann ging es Schlag auf Schlag, 16.40 war die Nikolaikirche gerappelt voll, 17.30 war der Nikolaikirchhof gut gefüllt und 17.45 drängte es aus Ritterstr. und Grimmaische Str. , so dass der Demonstrationszug Schwierigkeiten hatte, auf die seltsame Route abzufließen.

Auf dem Ring konnte man dann zum ersten Mal die Tragweite abschätzen, ein sehr langer Zug wie zuletzt bei den ACTA-Protesten, viele Familien mit sehr kleinen Kindern, Ergebnis der Zuzüge an jungen, gut qualifizierten Leuten in den letzten Jahren.

Am Westplatz wurde schon deutlich, dass der Waldplatz viel zu klein sein würde, alle aufzunehmen. Meine Bedenken und die vieler anderer, dass ein Sternmarsch mit solchen verqueren Routen und solch einem kleinen Platz schwierig werden würde, bewahrheiteten sich.

Andererseits war es gut, dass die Begegnung des Legida-Zuges mit der Abschlussveranstaltung der weltoffenen Leipziger möglich gemacht wurde, so ein Buh-Konzert nach einem "Spaziergang" durch ein dunkles Waldstraßen-Viertel mit Beschallung durch die Europa-Hymne "Ode an die Freude" dem einen oder anderen Mitläufer vielleicht doch zu denken gegeben hat, wo er da hingeraten ist.

Doch die Zeit irrt, wenn sie glaubt, dass Legida gefährlicher als die Dresdener Mutter ist. Zwar ist das Programm radikaler, in der Erläuterung allerdings auch viel entlarvender. So beschränkt sich die Zahl der Anhänger auch dadurch, dass eben nur der übliche Nazi-Anhang und nur wenige ideologisch indifferente Mitläufer dabei waren. Für die traditionell eher weltoffenen Leipziger (die international beachteten Messen wurden schon für die 89er Bewegung häufig als Hintergrund erwähnt) war es so leichter, sich gegen rückwärtsgewandte Ideologien zu positionieren.

Die Dresdener Pegida erscheint gewissermaßen mit einem geschärften Profil a la "wir sind keine Nazis und hier kann man alles bejammern, wo die Politik uns nicht ernst genommen hat", und das macht sie viel gefährlicher, denn auch da betreiben Nazi-Demagogen ihr Werk und zwar in der Evolution solcher Bewegungen geschickter als in Leipzig, gerade weil sich in L die rechten Ideologen für intelligenter halten. Denn in Dresden hat man verstanden, dass nicht die gesellschaftlich tatsächlichen Verlierer die Schlacht entscheiden können, sondern die, die sich bedroht fühlen.

Michael Kater (The Nazi Party: A Social Profile of Members and Leaders, 1919-1949 (1983) ) hat in seiner leider von Journalisten und PR-Historikern viel zu wenig beachteten sozialen Analyse der frühen NSDAP festgestellt, dass die tatsächlich von Arbeitslosigkeit bedrohten Schichten (die ungelernten Arbeiter, die damals die Mehrheit in der Arbeiterklasse stellten) eher zur KPD neigten, die sich von Arbeitslosigkeit (sprich vom Abstieg) bedroht fühlenden Schichten jedoch in Scharen in die NSDAP strömten, d.h. gelernte Arbeiter, aber vor allem Mittelschicht-Angehörige bis hin zu Akademikern (etwa die Hälfte aller Ärzte waren schließlich in der NSDAP).

Insofern ist das indifferente die Stärke der Pegida-Bewegung in Dresden und das deutlich rechtsradikale Gedankengut in L die Schwäche, wie sich denn auch in der Beteiligung zeigt. Die Evolution dieser Bewegung zeigt einerseits die Versuche, Massenpotentiale zu erkunden, andererseits auch das Versagen einzelner Teile (hier in L) in ihrem Bemühen, die Maximalforderungen des rechtsradikalen Hintergrunds durchzusetzen, während in Dresden durch die Dominanz von nicht-faschistischen Kräften die Bewegung, zwar auch unter Mitwirken faschistischer Gruppen, Möglichkeiten zum Wachsen bekommt, indem sie indifferente, unzufriedene noch anziehen kann, insbesondere unter Beachtung (bzw. was Journalisten nicht beachten) der Anziehung von Auswärtigen, die die Anonymität und das Gemeinschaftsgefühl der Unverstandenen schätzen. Insofern wird Dresden auch viel Unrecht getan.

Man wird sehen, wie sich die beiden Strömungen weiter entwickeln werden, auch nicht zuletzt getrieben durch die unterschiedliche Widerstandskraft in den beiden Städten. Da in Leipzig bei Legida zunächst im wesentlichen nur ein Aktiv unterwegs ist, das bisher nicht viele Indifferente anziehen konnte, wird es für dieses nicht schwer sein, in den angekündigten folgenden Demos die Zahlen zu halten. Die weltoffenen Leipziger jedoch werden kaum jeden Montag die Zeit aufbringen können und wollen, so dass ein Halten der Zahlen mir bis jetzt unwahrscheinlich erscheint, geschweige denn eine Steigerung. Aber vielleicht unterschätze ich da die Anziehungskraft des Erfolgreichen wie damals 89.

Perma-Link ( und wieder guckt kein...)  Sag was!   Topic: choregraphierte Gesellschaft
 

 
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Man will ja ständig Gartenbaufirmen zu Herrn Seewolf schicken, wenn das in der Folge jedes mal einen Blogpost bedeutet.
Man will ja ständig Gartenbaufirmen zu Herrn Seewolf schicken, wenn das in der Folge jedes mal einen Blogpost bedeutet.
by libralop (20.08.2018, 14:02)
Fraglich, ob das vor 7 Uhr schon erlaubt ist.
Fraglich, ob das vor 7 Uhr schon erlaubt ist.
by bubo (01.08.2018, 12:05)
Der Herr Seewolf ist zumindest auf Twitter noch regelmäßig aktiv: twitter.com
Der Herr Seewolf ist zumindest auf Twitter noch regelmäßig aktiv: twitter.com
by libralop (02.05.2018, 10:18)
herr seewolf, leben sie noch? meine email ist dieselbe, ihre koennte evtl wg mailclienttausch verloren sein
herr seewolf, leben sie noch? meine email ist dieselbe, ihre koennte evtl wg mailclienttausch verloren sein
by mutant (19.04.2018, 23:57)
Heute am wannsee, gegenüber der pfaueninsel gelegen, tochter aus dem augenwinkel im blick gehabt, die sich einfach mit berliner mädels...
Heute am wannsee, gegenüber der pfaueninsel gelegen, tochter aus dem augenwinkel im blick gehabt, die sich einfach mit berliner mädels angefreundet hatte und um die wette schwamm. Gleichzeitig die Szene bei der Musterung gelesen, laut gelacht, paar nackt badende guckten irritiert. Ganz wunderbare Geschichte. Ich muss jerzt langsamer lesen, damit...
by mariong (22.08.2015, 00:27)
Obacht
da kann es ja passieren, dass Sie dem Autor über den Weg laufen!
by seewolf (15.08.2015, 20:04)
Seit heute liegt das buch bei mir auf dem tisch, und ich bin schon ganz verliebt in die aufmachung, das...
Seit heute liegt das buch bei mir auf dem tisch, und ich bin schon ganz verliebt in die aufmachung, das papier, und manchmal streiche ich über den umschlag und schlage wahllos eine seite auf und spicke. Ansonsten ist das wie warten auf das christkind: Das wird meine Urlaubslektüre schon bald...
by mariong (11.08.2015, 23:05)
Ich verstehe nicht,
ob das Wikipedia-Zitat meiner These widersprechen soll, dass Intelligenz AUCH vererbt wird. Ich zitiere mal aus der Brockhaus Enzyklopädie. Auf kulturelle und soziale Faktoren wurde auch zurückgeführt, dass in Intelligenztests Asiaten besser als Europäer und diese besser als Afrikaner abschneiden. W.A. Jensen und H.J. Eysenek fanden, dass in den USA...
by phaeake (21.11.2013, 04:57)
hm
diese Erklärung erscheint mir zu platt und vor allem nicht zielführend, spannend dazu der Satz im guten Wikipedia-Artikel zu Intelligenz Abgesehen vom Energieaufwand zu immigrieren und einen Neuanfang zu wagen (immigrant drive) ist den drei Gruppen gemein, dass sie großen Wert auf Fleiß, Erziehung und Ermutigung von Kindern legen und...
by seewolf (18.11.2013, 10:55)
Vererbung
Dass die Kinder vietnamesischer Vertragsarbeiter und russischer Juden in der Schule erfolgreicher sind als die Kinder türkischer Gastarbeiter, wird wohl AUCH damit zusammenhängen, dass die Eltern intelligenter sind und Intelligenz eben AUCH vererbt wird.
by phaeake (16.11.2013, 22:15)

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